Einige Minuten vor unserem Konzert wirkt die Kirche Unterseen erwartungsvoll und lauschend. Letzte Schritte hallen auf dem Steinboden, die Bänke sind bis auf den letzten Platz besetzt. Doch ein Platz bleibt frei und das leere Dirigentenpult steht da wie eine offene Frage. In der zweiten Reihe der Zuhörenden sitzt jener, der sonst vorne steht. Bruno Aemmer folgt dem Konzert heute krankheitsbedingt von der Kirchenbank – dem Orchester nicht weniger nah, jedoch mit etwas mehr räumlicher Distanz.

Zwei Tage vor der Hauptprobe geschieht etwas, das den heutigen Abend erst möglich macht: Unser langjähriger Weggefährte Römanö Mediati sagt ohne zu zögern zu, die Leitung unseres Musikvereins kurzfristig zu übernehmen. Gleichentags aus Holland angereist, betritt er am Freitag die Kirche für die Hauptprobe. Seine Augen leuchten wach und jede seiner Gesten zeugt von Vorfreude. Seine Energie und musikalische Präsenz übertragen sich noch bevor wir einen Ton spielen: Wir spüren sein Vertrauen, seine Zuversicht und seine Begeisterung zur Musik – und auch zu unserem Musikverein. In diesem Moment bemerken wir, dass das Konzert unter seiner Leitung ein Besonderes werden wird. Unsere Dankbarkeit lässt sich kaum in Worte fassen, aber sie ist zwischen den Notenzeilen hörbar.

Um Punkt 20 Uhr durchschneiden die acht Glockenschläge die kollektive Stille – jeder Schlag ein Puls, ein Ankommen, ein Signal zum Aufbruch. Mit dem letzten Nachhall beginnt für uns kein gewöhnliches Winterkonzert, sondern eine Reise zu den Sternen.

Winterkonzert25

Der Klang beim Eingangsmarsch „March To Mars“ hebt ab, schreitet durch das Kirchenschiff und lädt zum Aufbruch ins Unbekannte ein. Unser Kompass bildet Heinz Käser, der mit seinen humorvollen und informativen Vorhersagen Orientierung vermittelt und zwischen den Etappen kurz zum Durchatmen einlädt.

Näher zu den Sternen führt uns mit „Alla Steilas“ auch unser Vizedirigent Dominic Roth. Die Melodien fliessen weich und klar und man sieht es Dominic spätestens beim letzten warmen Klarinettenton an, dass ihn die Klänge berührt haben. Auch jene in den Zuhörerreihen scheinen sich innerlich mitreissen zu lassen. Dies öffnet Raum für Erinnerungen und verwandelt das direkt im Anschluss folgende hohe Tempo in den weiteren Antrieb unserer Reise.

„Tabula Rasa“. Für uns längst kein leeres, weisses Blatt mehr. Mit diesem Stück und unserer Spielfreude haben wir am ausserkantonalen Musikfest in Appenzell nicht nur die Kirche in Herisau zum Leben erweckt, sondern nach unserer 1. Rangierung auch die Bänke im Festzelt zum Beben gebracht. Doch teilt Römanö dieselbe Interpretation, wie wir sie einstudiert haben und kennen? Seine ersten gezeigten Taktschläge zeigen sofort, wie sehr er sich mit uns und unserem musikalischen Ausdruck verbunden fühlt. So gelingt es auch in der Kirche Unterseen, die Zuhörenden mit schnellen Rhythmen zu begeistern.

Nach diesem Rückblick beginnt ein neuer musikalischer Kurs. Mit „Salentin“ übernimmt unser zweiter Vizedirigent Ilya Jenni die Leitung. Die Musik marschiert, ohne zu drängen. „glitzere, nid blände “ – die Interpretation von Ilya wird spätestens nach einigen Takten hörbar. Aus dem Orchester entsteht ein geschlossenes und gleichmässiges Klangbild, welches für Richtung und Struktur sorgt.

Bereit für neue Bewegung und einen lebendigen Kontrast mit „Bugatti Step“. Vier unserer Vereinsjüngsten treten mit ihren Klarinetten zum Quartett hervor. Ein kurzer Blick ans Dirigentenpult, dann zeigt sich ihr Mut in Rhythmus, Bewegung und den vierstimmigen „Löifli“. Ihre Leistung steht so sicher in der Luft, wie ein stilles „Chapeau“. Der Input unseres Nachwuchses setzt frische Impulse und lenkt unsere Reise in Richtung Inspiration.

„Imagasy“ verbindet Imagination und Fantasy bereits im Namen. Die Musik malt Bilder, in welche die eigene Kreativität interpretiert werden darf: Wälder, Weite, flüchtige Träume. Die anfängliche Distanz zwischen unseren Instrumenten, den Noten und der inneren Vorstellung wird durch die Sprachnachricht des Komponisten höchstpersönlich kurzzeitig durchbrochen und zeigt, dass Musik über Raum und Entfernung hinwegwirken kann – sogar bis ans Eidgenössische Musikfest in Biel im Mai 2026.

Nach dem Blick in die Zukunft, zurück in die Gegenwart. Wir haben das Reiseziel erreicht. Mit „Stars“ verändert sich der Kirchenraum erneut. Choralartige Klänge finden den Weg nach oben und steigen im Halbdunkel zum Kirchendach hinauf. Doch diesmal werden sie durch unsere Instrumente nur begleitet, die Stimmung entsteht vielmehr durch die mit Wasser perfekt intonierten Gläser und deren Schwingung: zerbrechlich, klar und beinahe magisch schimmernd, wie die Sterne im kalten, klaren Nachthimmel.

Die traditionelle weihnachtliche Zugabe „Silent Night“ schliesst unser musikalisches Vereinsjahr ab. Der vertraute Klang verhallt langsam, besinnlich und in aller Stille. Ein Moment der Ruhe, in dem wir uns mit der Musik verbunden fühlen, während Dankbarkeit und Freude den Raum erfüllen.

Für Ihren Besuch und Ihre Treue, die unsere Musik überhaupt erst lebendig machen und nicht zuletzt für Römanö, der uns mit seiner Hingabe und seinem Herzblut diesen Abend ermöglicht hat:

– DANKE! – THANK YOU! – HARTELIJK DANK! – GRAZIE MILLE! –

Über den Köpfen erstreckt sich anschliessend der winterliche Himmel, während auf dem Stadthausplatz die Becher mit Glühwein und Punsch dampfen.

In Erinnerungen schwelgend, mischen sich die Stimmen, das Lachen und die Gespräche über Musik, über diesen Abend, darüber, Teil eines weiteren abenteuerlichen musikalischen Jahres mit dem Musikverein Interlaken Unterseen gewesen zu sein.

Melanie Häsler, Oboe

 

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